Die Mehrheit will die Aussöhnung

Wie weiter mit den Piusbrüdern? Wie viele von ihnen wollen wirklich die Aussöhnung mit dem Papst? Wie sehen andere traditionsorientierte Gruppen die Auseinandersetzungen nach der Aufhebung der Exkommunikation? Radio Vatikan hat am 6. 2. darüber mit Propst Gerald Goesche gesprochen, der die Piusbruderschaft aus seiner früheren Tätigkeit für die Piusbruderschaft gut kennt. Das Gespräch führte Gudrun Sailer.

Der Propst in RomRV: Herr Propst, wie uneins ist die Piusbruderschaft? Kommt es zu einer Spaltung in zwei Gruppen, eine, die mit Rom sprechen möchte, und eine andere, die Dialog ablehnt?

Propst Goesche: „Das ist ganz schwierig zu beurteilen. Ich habe aber festgestellt, daß die Aufhebung der Exkommunikation insofern gute Früchte hat, als Bischof Fellay sich so klar geäußert hat und so sehr auf Seiten des Heiligen Vaters steht wie bisher noch nicht. Auch Pater Schmidberger hier in Deutschland hat sich ähnlich vernehmen lassen. So daß ich mir vorstellen könnte, daß doch ein sehr großer Teil der Piusbruderschaft auf jeden Fall jetzt auch eine vollkommene Aussöhnung mit dem heiligen Stuhl und eine Regelung der Situation suchen wird. Ich glaube, daß Bischof Fellay da wirklich die Führung übernommen hat ist ein neues Element, was sehr wichtig ist. Ich denke auch, daß die Mehrzahl der Gläubigen und der Priester, wenn sie in die Richtung geführt werden, eigentlich eine Aussöhnung mit Rom und eine vollkommene Ordnung der Situation wollen.“

RV: Der Ton der Piusbruderschaft war manchmal außerordentlich harsch, was die Katholische Kirche betrifft – da ist von der Konzils-Sekte die Rede, davon, daß die Katholische Kirche sich bekehren und auf die Sicht der Piusbruderschaft einschwenken muß. Es gehörte schon auch Großmut von Seiten des Vatikans dazu, diese Friedensgeste zu setzen, die Exkommunikation aufzuheben. Damit ist für die Piusbruderschaft eine ganz neue, noch nie da gewesene Situation entstanden. Meinen Sie, die Bruderschaft wird ihren Ton jetzt mäßigen?

Propst Goesche: „Also es gibt natürlich auch ein Interview von Bischof Tissier de Mallerais, wo er den alten Ton so ein bisschen beibehält, in dem Sinne, daß vor allem Rom sich bekehren muß. Insofern kann man da nicht ganz sicher sein. Aber man muß zwei Dinge beachten: Auf der einen Seite sind auch die Gläubigen, Priester und Bischöfe der Piusbruderschaft Menschen von heute, die oft genauso hässlich ihre Anliegen vorbringen, wie das die Herrschaften aus der linken Ecke auch tun. Das ist ein bisschen spiegelverkehrt. Das andere ist, daß wenn es die Aussicht auf eine kirchliche Regelung gibt, dann oft schon der Ton sich ändert, weil viele dann leichter merken, welche Verantwortung sie haben und daß einfach auch diese Vorstellungen von Erzbischof Lefebvre, das Experiment der Tradition zu wagen, jetzt so nahe ist, daß man das eigentlich nicht ausschlagen kann. Man merkt das an den traditionellen Gruppen, die zu einer Aussöhnung mit Rom gelangt sind, ob in Campos oder bei den schottischen Redemptoristen oder anderswo, daß der Ton dann, fast von heute auf morgen, sich sehr verändert hat und sehr vernünftig geworden ist.“

RV: Es wird nun also in irgendeiner Form zum Austausch zwischen Piusbruderschaft und Vatikan kommen. Meinungsverschiedenheiten gibt es in einer ganzen Reihe von theologischen Themen, die sich auf Lehren des Konzils beziehen: Liturgie, Religionsfreiheit, Ökumene, interreligiöser Dialog, auch das Verständnis von Tradition. Gibt es darunter eine besonders harte Nuss?

Propst Goesche: „Ich glaube, der schwierigste Punkt ist tatsächlich das Verständnis der Tradition. Wenn man die Vorstellung hat, es hat irgendwann einmal ein ewiges Rom gegeben, 1950 oder sonst wann, wo alles in Ordnung war, hat man natürlich eine verzerrte Vorstellung von der Wirklichkeit, die schwer zu korrigieren ist, weil es fast mehr etwas Emotionales ist, und eine Perfektionsvorstellung, die eigentlich auch sehr moderne Züge hat. Bei der Liturgie gibt es, glaube ich, kein großes Problem, weil der alte Ritus, so wie er, zumindest an vielen Stellen in der Piusbruderschaft und anderswo in der Tradition gefeiert wird, sehr viel von ,Sacrosanctum Concilium’ aufgenommen hat. Da soll man sich nicht täuschen, auch da gibt es ein Erbe der liturgischen Bewegung, und viele Konzilsväter würden sich in der Liturgie, wie sie oft da gefeiert wird, sehr wohl fühlen und sagen: So ungefähr haben wir uns das vorgestellt. Ein weiteres großes Problem ist, daß Erzbischof Lefebvre Missionar war und ein großer Pragmatiker und immer einen kleinen Verdacht gegenüber allem allzu Intellektuellen hatte. Deswegen ist die Theologie in der Piusbruderschaft doch sehr beschränkt, und man kann mit der normalen akademischen Welt dann oft nicht so mithalten, wie man sich das wünschen würde. Da gibt es natürlich dann auch ein Kommunikationsproblem, wenn ich mit akademisch gebildeten Theologen spreche und im Grunde nur die eigenen Hausanstalten kenne.“

RV: Viele – hoffentlich alle - Katholiken haben die Einlassungen von Bischof Wiliamson mit Entsetzen zur Kenntnis genommen. Für viele war es überhaupt das erste Mal, daß sie von der Piusbruderschaft gehört haben. Wie hoch ist der Schaden für die Gemeinschaft?

Propst Goesche: „Da ist eine Eiterbeule, oder vielleicht sogar eine Pestbeule geplatzt. Man sieht, daß sofort da, wo der Papst die Arme ausstreckt, erstmal diese ungesunden Keime und dieses Bösartige ans Licht kommen - und das ist ja eigentlich ein großer Erfolg. Wie stark jetzt rechte oder sogar den Holocaust leugnende Tendenzen insgesamt vielleicht in Frankreich oder Amerika sind, das ist für mich schwer abzuschätzen, weil ich doch den deutschen Raum besser kenne. Da, würde ich sagen, ist das im Grunde eine Minderheit. Die meisten sind doch enttäuschte und vielleicht auch frustrierte Katholiken, die sich vergaloppiert haben.“

RV: Haben Sie zeitliche Vorstellungen davon, wie lange eine völlige Rehabilitierung der Piusbruderschaft dauern könnte?

Propst Goesche: „Das ist natürlich vor allen Dingen nach diesen üblen Vorkommnissen, jetzt mit Williamson, auch wenn sie in gewisser Hinsicht vielleicht eine reinigende Wirkung haben, ganz, ganz schwer abzuschätzen. Vielleicht gibt es Modellversuche in verschiedenen Diözesen, dann wird das Ganze geregelt. Auf der anderen Seite könnte ich mir vorstellen, daß eigentlich Papst Benedikt als jemand, der aus eigenem Erfahren und als Hauptverhandler mit Lefebvre, damals vor den Bischofsweihen, die ganze Geschichte unheimlich detailliert kennt, schon gerne möchte, daß während seines Pontifikats zumindest die entscheidenden Pflöcke eingeschlagen werden.“

RV: Das würde heißen, es geht eher um Jahre als um Jahrzehnte, nicht?

Propst Goesche: „Eigentlich ja. Denn man muß natürlich auch die Gunst der Stunde nutzen, insofern, als Monsignore Fellay jetzt noch immer Generaloberer der Piusbruderschaft ist. Da hat man doch sicher einen ruhigen und besonnenen Mann als Gegenüber. Es ist nicht umsonst so, daß Kardinal Castrillon Hoyos vor allen Dingen mit Fellay verhandelt hat.“

RV: War es denn angesichts der Entwicklungen nicht eher ein Fehler, nur mit Fellay zu verhandeln und die anderen drei Bischöfe nicht miteinzubeziehen, obwohl auch im Vatikan zu ahnen oder wissen war, daß es da Schwierigkeiten weltanschaulicher Art gibt?

Propst Goesche: „Tja. Sie müssen natürlich bei solchen Verhandlungen sehen, daß sie ein Gegenüber haben, mit dem sie fertig werden. Sie müssen da auch einen Mann kräftigen und aufbauen, von dem sie hoffen, daß er auf einer vernünftigen Linie steht. Die Piusbruderschaft begreift sich ja als eine sehr monolithische, autoritär geführte Vereinigung, und eigentlich hat Rom, speziell Kardinal Castrillon Hoyos, Bischof Fellay die Chance geboten, tatsächlich durchzugreifen. Und er hat das ja mit seiner Entschuldigung und dann der Zurückweisung jeglichen Antisemitismus und der Holocaust-Leugnung im Besonderen in erstaunlich klarer Weise getan. Deswegen denke ich, daß es schon seine Berechtigung hat, ihn besonders in den Fokus zu nehmen und mit ihm zu sprechen, sowohl von der Struktur der Piusbruderschaft her, als auch um zu einer klugen Regelung zu kommen.“

RV: Es gibt traditionsorientierte Gruppen in und außerhalb der katholischen Kirche. Ihr Institut St. Philipp Neri in Berlin gehört zu den papsttreuen, aber auch das Institut Christkönig oder die Petrusbruderschaft – andere wie bisher die Piusbruderschaft stehen außerhalb. Wie sind die Kontakte zwischen traditionsorientierten Gruppen? Von außen betrachtet, über verschiedene Internetforen, hat man den Eindruck, auch zwischen den traditionsorientierten Gruppen herrschen große Spannungen.

Propst Goesche: „Ja, ich glaube schon. Wir sind alle Kinder unserer Zeit, sind alle versucht, die eigene, spezielle Berufung und Art und Weise absolut zu setzen. Und das ist nicht unbedingt geeignet für einen sehr förderlichen Dialog. Ich würde doch persönlich sagen, ich habe sowohl zum Institut Christkönig als auch zur Petrusbruderschaft gute, normale Kontakte. Bei der Piusbruderschaft habe ich weiterhin Kontakte zu einzelnen Priestern, zu einzelnen Gläubigen. Aber es gab nie ein großes Interesse von der Leitung her, den Kontakt zu behalten. Was vielleicht zunächst verständlich ist, wenn es auch vielleicht nicht besonders klug und weit blickend ist.“

RV: Wo sehen Sie persönlich, Herr Propst, die Schwierigkeiten dieser Gemeinschaft? Wo ist der Punkt, an dem Sie sagen, hier hätte ich, obwohl selbst traditionsverbunden, nie wirkliche geistige Wurzeln fassen können?

Propst Goesche: „Ich hatte vor der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe zunehmend den Eindruck, daß viele in der Piusbruderschaft meinen, sie retten die Kirche. Und mein Glaube ist einfach, daß die Kirche UNS rettet. Wenn ich da irgendwie mithelfen kann, bin ich gerne mit von der Partie. Das ist auch meine Verantwortung. Aber dieses Bild, daß es irgendwie jenseits davon vielleicht noch so ein Lehramt des Ewigen Roms gäbe, das erscheint mir doch sehr merkwürdig. Und eine andere Sache: Die Piusbruderschaft ist doch so eine Art Regular-Kleriker-Gesellschaft mit dem Geruch des 19. Jahrhunderts. Ich denke, die Tradition lebt, und wir können uns, wenn wir sie weitergeben wollen, nicht auf ein bestimmtes Bild, einer bestimmten Zeit davon festlegen. Das führt nicht weiter. Zumindest war das nichts, was ich auf die Dauer hätte tun können.“

RV: Wo liegt für Sie die Zukunft der Tradition?

Propst Goesche: „Wir haben ja in Berlin vor viereinhalb Jahren mit 20 Gläubigen am Sonntag angefangen und haben jetzt durchschnittlich 100. Mit einem Altersdurchschnitt, der schlicht ideal ist, vom Kind bis zum Greis. Den Schatz der Überlieferung, ob in der Liturgie oder in der Predigt, in dieser Zeit zu sehen und den Kontrast zu sehen, und dann wirklich zu hören: Was will der liebe Gott mir sagen? Was ist da unsere Aufgabe? Das hat eine unheimliche Kraft. Leute, die entweder gar nicht mehr zur Kirche gingen oder – wir werden wahrscheinlich um Ostern herum bei uns zwei Erwachsenentaufen haben - Leute, die erst zur Kirche finden, die fühlen sich schon von diesem Kult und auch einer gewissen unklerikalen Klarheit der Sprache sehr angezogen.“


Hier können Sie das Interview auch im Original hören.


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